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Redebeitrag zur finanz. Sit. des Landkreises und der Kommunen
Kreistagssitzung
22. Juli 2003
Alle reden vom Sparen, darum geht es längst
nicht mehr. Sparen heißt Geld nicht auszugeben,
das man hat. Gefordert ist vielmehr Verzicht, um zumindest
das Fundament unseres Wohlstandes nicht auch noch
zu gefährden.
Grundgesetz und Landesverfassung räumen den
Kommunen als Grundlage unseres Staates eine herausragende
Stellung ein. Für uns Freie Wähler stellt
sich ganz schlicht und einfach die Frage: Wissen das
auch unsere Bundes- und Landespolitiker?
Ein Staatswesen mit sozialer Marktwirtschaft ist
eine Solidargemeinschaft. Ist das den Sozialpartnern,
besonders den Gewerkschaften, angesichts von mehr
als 4,5 Mio Arbeitslosen eigentlich noch wirklich
im Bewusstsein?
Ich muss die dramatische Entwicklung des Kreishaushalts
und die der Gemeindehaushalte nicht mehr mit Zahlen
belegen. Jeder weiss es, die wenigsten glauben es
– die laufenden Ausgaben übersteigen auf
lange Sicht unsere Einnahmen, wir leben nur noch kurze
Zeit von der Substanz, sie wird bald aufgezehrt sein.
Der Landkreis als Umlagefinanzierer hat ohnehin keine,
das Vermögen der Kommunen schmilzt wie Butter
in der Sonne, die Schuldenberge aller öffentlicher
Hände sind nicht mehr beherrschbar. Es geht nicht
mehr darum, die Notbremse zu ziehen, der Karren ist
bereits an der Wand.
Wer dies deutlich sagt, ist nicht besonders angesehen,
denn der Überbringer schlechter Nachrichten wird
fast noch für ihren Inhalt verantwortlich gemacht.
Uns Freien Wählern sind die offenen Worte unseres
Landrats lieber als in Watte verpackte Botschaften,
die nicht stimmen. Wer in dieser Zeit noch über
das Wünschenswerte diskutiert, statt Wege für
das Notwendige zu suchen, dem ist nicht mehr zu helfen.
Ein Grundübel sehen wir darin, dass die Bundes-
und Landesgesetzgeber zwar stets klar in das Gesetz
hineinschreiben, wer für Was wieviel Geld oder
andere Leistungen erhalten soll, häufig aber
darauf verzichten, die Finanzierung auf eine solide
Basis zu stellen. Vor allem für den Gesamtbereich
der sozialen Sicherung rühmt man ein hohes Niveau,
bezahlen müssen es letztendlich die Kommunen,
genauer gesagt deren BürgerInnen.
Die gegenwärtige Lage der öffentlichen Haushalte
wird gerne als Katastrophe bezeichnet. Eine solche
würde m.E. dann eintreten, wenn man selbst jetzt
noch die Realitäten verleugnen würde. Die
vielen Protestbriefe als Folge unserer Kürzungsbeschlüsse
lassen allerdings eine gewisse Distanz zur Realität
erkennen.
Das Finanzierungsproblem der öffentlichen Hand
liegt in dem Umstand, dass es sich nicht mehr um einen
temporären Engpass handelt, sondern dass die
sich stetig ausdehnenden Deckungslücken zu einer
Dauereinrichtung zu werden drohen.
Zwei in der Vergangenheit stets nahe liegende Lösungen
scheiden für uns Freie Wähler aus:
• Kreditfinanzierung laufender Ausgaben, da
wir kommenden Generationen zu einem unaufhaltsam wachsenden
Aufgabenberg auch noch nicht mehr bezahlbare Zins-
und Tilgungslasten aufbürden würden
• Steuererhöhungen, weil die volkswirtschaftlich
und im internationalen Wettbewerb vertretbare Grenze
bereits überschritten ist.
Denn eine Wirtschaft, die sich im Zeitalter der Globalisierung
nicht behaupten kann, bedeutet: noch mehr Arbeitslosigkeit,
Beschränkung der sozialen Sicherung, sinkende
Renten, weniger Geld für Bildung und lebenswichtige
Infrastruktureinrichtungen.
Was bleibt sind Ausgabenkürzungen, Verzicht
auf öffentliche Leistungen. In vielen Bereichen
sind es Reduzierungen im Bereich überhöhter
Erwartungen, nicht selten von der Politik regelrecht
aufgebaut. Es ist aber nicht zu bestreiten, dass der
Rotstift nunmehr in Felder eingreifen muss, die für
die Betroffenen überaus schmerzhaft sind. Wir
müssen auch dort zurückfahren, wo dem Argument
späterer Folgelasten nicht begegnet werden kann.
Leider beschafft dieses Wissen nicht das gegenwärtig
fehlende Geld. Ohnehin sind die Kommunen als die unterste
Ebene nicht in der Lage die Ausgewogenheit und Gerechtigkeit
öffentlicher Leistungen herzustellen –
eine Gesamtbetrachtung dessen, was die öffentlich
Hand tut oder lässt, würde viele Fragen
aufwerfen. Im stetigen Aufwärtstrend der letzten
Jahrzehnte hat der Fortschrittsglaube das kühle
Rechnen verdrängt und wir haben statt dem Entbehren
das Begehren gelernt.
Die Politik, die sich der größten Herausforderung
seit Kriegsende zu stellen hat, gibt kein überzeugendes
Bild ab. Der verantwortungsbewusste Bürger und
Wähler erwartet jetzt eine große Koalition
der Vernunft, ein gemeinsames Nachdenken darüber,
was wir uns wie noch leisten können und keine
Profilierungsalleingänge.
Weil wir auf diesem Feld die Überforderung unserer
Möglichkeiten eingeleitet haben, muss sich die
Sozialpolitik stärker in Richtung Hilfe zur Selbsthilfe
verändern. Es ist Betrug am Bürger, wenn
wir ihm immer mehr Geld aus der Tasche holen, es in
den Mühlen der Bürokratie entwerten und
dann mit zweifelhafter Gerechtigkeit wieder zurückgeben.
Ich will jetzt nicht auf die in den Vorberatungen
beschlossenen Einschnitte im Einzelnen eingehen. Zu
einem beachtlichen Teil sind es ohnehin keine Sparbeiträge,
sondern Verlagerungen auf die Gemeinden, denen es
eigentlich egal sein kann, ob sie Kreisumlage zahlen
oder Leistungen direkt finanzieren. Ein positiver
Nebeneffekt könnte darin liegen, dass Leistung
und Verantwortung wieder stärker zusammengeführt
werden (z.B. Musikschulen, Volkshochschulen). Dieses
Konnexitätsprinzip würden wir uns auch von
der Politik wünschen.
Die Landkreise und die sich nach den Vorschlägen
zur Verwaltungsreform in der Auflösung befindlichen
Landeswohlfahrtsverbände haben einen Katalog
von Forderungen und Vorschlägen an die Landesregierung
gerichtet, der – ohne die Substanz zu gefährden
- im Bereich der Behindertenhilfe zu Entlastungen
bzw. Verlagerungen in einer Größenordnung
von 300 Mio € führen würde. Der Landes-
und Bundespolitik fehlt aber gegenwärtig die
Kraft, um ein solches Konzept mutig anzugehen. Geschieht
dies aber nicht, wird die Kostenlawine weiter rollen
und stetig anwachsen. Allein in der Zeit von 2000
– 2004 verzeichnen wir eine Steigerung um mehr
40 %, bis 2006 geht man gar von 60 % aus. Und dies
parallel zu drastisch sinkenden Einnahmen der Kommunen.
Gemessen an de Größenordnung der wachsenden
Sozialleistungen ist das Ergebnis unserer Kürzungsaktionen
entmutigend. Die drohende Kreisumlage von vielleicht
mehr als 45 Punkten wird dramatische Folgen für
die Gemeinden haben. Ein weiteres Anziehen der Steuer-
und Gebührenschraube ist nicht auszuschließen,
ebenso die Schließung von Einrichtungen, Entlassung
von Personal und Verzicht auf wirklich notwendige
Leistungen. Der Böblinger Landrat Bernhard Maier
bezeichnet 40 Punkte Kreisumlage als Horrorszenario,
wir würden bei einem solchen Satz fast aufatmen.
Da die Landkreise in der Region alle die gleiche Ausgangslage
haben (hohe Soziallasten, enorme Kosten für den
ÖPNV, Finanzierung der Region bzw. der dort beschlossenen
Projekte –z.B. Messe u.a.) müssen wir immer
und immer wieder nachforschen, wo die Ursache unserer
überproportionalen Ausgabenlast liegt. Die Zahl
der Großen Kreisstädte mit den zwangsläufig
höheren Sozialkosten kann es allein nicht sein.
Im Kreis Esslingen wurde ein Leistungsniveau aufgebaut,
das über dem der Nachbarlandkreise liegt und
davon müssen wir wieder herunter. Wir dürfen
die Finanzierung nicht den Gemeinden aufladen, die
können nicht mehr.
Nachdem ich bisher mein Hauptaugenmerk auf die Bundes-
und Landespolitik gerichtet habe, dürfen einige
Sätze zum Verband Region Stuttgart nicht fehlen.
Dessen insgesamt gute Arbeit soll nicht in Abrede
gestellt werden. Dennoch muss festgehalten werden,
dass dieser eigentlich nicht ins System des Verwaltungsaufbaus
passende Umlagefinanzierer eine starke Neigung zur
Aufgabenübernahme und Selbstdarstellung hat.
Es sind mit Ausnahme der ÖPNV-Lasten nicht so
sehr die großen Summen, die den Bürger
und Steuerzahler ärgern, sondern die neu eröffneten
Spielwiesen wie Regionaler Sozialplan, eigenes Europabüro
in Brüssel, Kultur- und Sportförderung als
eigentlich originär kommunale Aufgabe und zahlreiche
kostenträchtige Studien ohne greifbares Ergebnis
(als Beispiel sei nur das Thema „Windkraft“
genannt).
Mit allem Nachdruck muss davor gewarnt werden, alle
ÖPNV-Aufgaben auf die Region zu übertragen.
Dies würde eine Spirale ohne Ende mit nicht mehr
finanzierbaren Kostensteigerungen bedeuten. Deshalb
lehnen die Freien Wähler in der Region auch die
Gelüste einzelner Kommunen ab, Regionalbahnen
auf den VRS zu übernehmen. Noch verheerender
wäre eine Übertragung der Busverkehre (Teufelskreis!).
Das Regionalparlament darf sich nicht als kleiner
Landtag verstehen, sondern muss sich solidarisch in
die Bemühungen einklinken, keine neuen Belastungen
entstehen zu lassen.
Könnte ich dieser Analyse ein in sich schlüssiges
Lösungsmodell folgen lassen, wäre ich wohl
nobelpreisverdächtig. Es wird immer deutlicher,
dass alle Streichkonzerte nicht ausreichen werden,
wieder auf den Boden solider Finanzen zu kommen. Die
äußeren von uns nicht beeinflussbaren Komponenten
sind einfach zu stark, nicht zuletzt die noch immer
lahmende Konjunktur. Deshalb müssen Landkreis
und Kommunen den Schulterschluss suchen. Dies darf
nicht in der Weise geschehen, dass die angedrohten
45 oder 46 Punkte Kreisumlage Wahrheit werden. Auch
auf die Gefahr eines nicht gesetzmäßigen
Haushalts müssen wir einen deutlich darunter
liegenden Wert anpeilen. Die Folge wären nämlich
ein dem Gesetz entsprechender Kreisetat und 44 gesetzwidrige
Gemeindehaushalte. Ähnlich wie der Landeswohlfahrtsverband
in seinen letzten Atemzügen die Regierung zu
Zwangsmaßnahmen herausgefordert hat, muss dies
in breiter Front auf der Ebene der Gemeinden und Kreise
geschehen. Dies um so mehr als die Folgen der vorgezogenen
Steuerreform für unsere Haushalte noch gar nicht
bezifferbar sind. Dem Vernehmen nach fehlen allein
dem Land Baden-Württemberg zusammen mit den schon
bekannten Steuerausfällen rd. 950 Mio €.
Das lässt weitere Zugriffe auf die kommunalen
Kassen befürchten.
Das kann und darf nicht mehr sein, daraum müssen
wir entschlossenen Widerstand gegen die Aushöhlung
der kommunalen Selbstverwaltung durch Mittelentzug
und Aufgabenverlagerung leisten.
Es kann und darf nicht sein, dass wir das letzte
Lichtlein ehrenamtlichen Engagements im sozialen,
kulturellen und gesellschaftlichen Bereich auspusten,
weil wir die dafür einfach unverzichtbaren Zuschüsse
kappen müssen, während andere Ebenen, nicht
zuletzt die Tarifpartner, Milliardensummen in den
Sand setzen, weil sie den Wirtschaftsmotor abwürgen.
In diesen Kontext gehört auch die Teufel;sche
Verwaltungs- besser gesagt Behördenreform. Sie
leidet unter dem Mangel, dass zwar der Verwaltungsaufbau
geändert, aber nicht hinterfragt wird, welche
Leistungen aus dem öffentlichen Aufgabenkatalog
herausgenommen werden können. Trotzdem eröffnet
die Reform die Chance zu kostengünstigeren Strukturen.
Ins Reich der Fabel gehört aber die Vorgabe von
20 % Effizienzgewinn“. Um diesen Prozentsatz
wird man den Kostenausgleich an die Landkreise reduzieren.
Tritt diese Ersparnis nicht ein, und darauf können
Wetten angenommen werden, zahlen wiederum die Kommunen
die Zeche. Die Schaffung des Verbands Region Stuttgart
lässt grüßen, auch hier wurde ein
Instrumentarium zur Kostenbeteiligung der Kommunen
an überörtlichen Aufgaben geschaffen. Nirgendwo
gibt es im Lande eine vergleichbare Konstruktion,
die uns schätzungsweise 5 – 6 Punkte Kreisumlage
kostet.
Als ein Signal der Gleichbehandlung im Schmerzhaften
verstehen wir unseren Antrag, in diesem Jahr keine
Gelder für den Erwerb von Kunstgegenständen
zur Verfügung zu stellen. Dies ist keine Absage
an das jahrelange erfolgreiche Handeln des Kreises
in der Förderung der bildenden Kunst. Wie aber
wollen wir eine solche Ausgabe den Organisationen
verständlich machen, deren wichtige Arbeit durch
Reduzierung, Halbierung oder gar Streichung von Fördermitteln
praktisch lahmgelegt wird? Auch die notwendigen Korrekturen
bei der Finanzierung der Schülerbeförderung
tragen wir unter diesem Aspekt mit, obwohl durchaus
der Vertrauensschutz in den kleinen Orten angetastet
wird, die vor Jahren ihre Grundschulen verloren haben
und denen damals die Kostenübernahme für
den ÖPNV zugesagt wurde.
Wer die demographische Entwicklung vor Augen hat,
die unaufhaltsam steigenden Kosten im Gesundheitswesen,
die zwangsläufig zunehmenden Fallzahlen in der
Behindertenhilfe, die Rentensicherheit, den notwendigen
Bildungsaufwand, damit wir international bestehen
können, und die schon jetzt nicht mehr bezahlbaren
Zins- und Tilgungsleistungen von Billionen öffentlicher
Schulden, der erkennt, dass es mit der Sorge für
unsere Jugend, für kommende Generationen, nicht
vereinbar ist, wenn wir alles was wir haben und wollen
für unverzichtbar halten.
Alle Ebenen der Politik sind jetzt in der Pflicht,
die Grenzen des Möglichen aufzuzeigen und nicht
der Versuchung zu unterliegen, sie zu verschleiern
und das Heil in unredlichen Zukunftsversprechungen
(die Bundesregierung ist hier Meister) zu suchen.
Weil wir von der Kraft unserer Wirtschaft abhängen
müssen in erster Linie deren Rahmenbedingungen
verbessert werden, aus eigenen Möglichkeiten
schafft es die öffentliche Hand nicht. Auch in
Zeiten vor Wahlen müssen wir den Mut zu konsequenten
Schritten haben, sonst befördern wir die Politikverdrossenheit.
Die Menschen spüren sehr genau, dass die Zeit
der Wohltaten vorbei ist. Der uns allen so wichtige
soziale Friede ist in Gefahr, wenn wir an alle mehr
verteilen als wir haben, statt den wirklich sozial
Schwachen eine Absicherung zu geben. Zu einer Weltuntergangsstimmung
ist noch kein Anlass, es nützt auch nichts, über
die Wirklichkeit nur zu lamentieren, aber es müssen
alle Kräfte gebündelt werden, sie zu verbessern.
Lassen Sie mich zum Schluss den Wirtschaftswissenschaftler
Milton Friedmann zitieren:
„Der fundamentale Trugschluss in Bezug auf
den Wohlfahrtsstaat, welcher sowohl in die Finanzkrise
wie zum Verlust der Freiheit führt, liegt in
dem Versuch, Gutes auf Kosten anderer zu tun.“
Ansprechpartner: Alfred Bachofer, OB, Nürtingen
Tel. 07022 75302 Fax 07022 75326
e-mail: ob.a.bachofer@nuertingen.de