›
Neustrukturierung des Gemeinschaft-KH Kirchheim/Nürtingen
Redebeitrag der Fraktion in der Kreistagssitzung
am
20. März 2003
Die Diskussionen der letzten Monate mussten zwangsläufig
den Eindruck hinterlassen, als gehe es in erster Linie
ums Geld. Tatsächlich spielt dieses in einer
Zeit, die nur noch den finanziellen Mangel verwalten
kann, eine wichtige Rolle. In Wirklichkeit geht es
aber nur um eines, um das wohlverstandene Interesse
der PatientInnen. Auch da spielt Geld eine Rolle.
Die Kosten im Gesundheitswesen erreichen langsam eine
erdrosselnde Wirkung. Alle sehen das ein, alle fordern
eine Veränderung, sie soll aber nicht spürbar
werden. Unbestreitbar richtet sich die Kostenlawine
längst gegen die PatientInnen.
Krankenhäuser, die nicht optimal organisiert
sind, die keine erstklassige Versorgung anbieten können,
die nach Einführung der Fallpauschalen nicht
mehr wirtschaftlich arbeiten können, fallen im
Wettbewerb und anschließend in der Qualität
Schritt für Schritt zurück.
Wir alle wollen uns am Patienteninteresse ausrichten.
Solange jemand gesund ist, lässt sich dieses
in Bezug auf unsere Krankenhäuser leicht definieren.
Das Haus sollte in der Nähe sein und alle Leistungen
anbieten. Dies ändert sich schlagartig, wenn
jemand ernsthaft erkrankt, einen schwierigen Eingriff
vor sich hat. Dann zählt nur noch eine optimale
interdisziplinäre medizinische und pflegerische
Betreuung, alles andere tritt in den Hintergrund,
insbesondere der Standort spielt keine Rolle mehr.
Die Leistung und Gesamtqualität des Hauses sind
also das wirkliche Patienteninteresse.
Bringen unsere beiden Krankenhäuser diese Qualität
nicht mehr, weil wir jetzt daran gehen, eine neue
Struktur zu schaffen? Beide Häuser haben sich
in der Vergangenheit einen erstklassigen Ruf erworben
und konnten auch wirtschaftlich arbeiten, obwohl Zahl
und Zuschnitt der einzelnen Abteilungen und Disziplinen
hohe Aufwendungen verursachen. Die Verän-
derungen der medizinischen Landschaft – moderne
Operationsmethoden, ambulante und minimal-invasive
Eingriffe, kürzere Verweildauer und fachärztliche
Leistungen außerhalb der Häuser lassen
die Auslastung zurückgehen, landes- und bundesweit
muss ein riesiges Überangebot an
Betten abgebaut werden. Die Einführung der Fallpauschalen
nimmt auf hohe Betriebskosten keine Rücksicht.
Der Wettbewerb wird sich erheblich verschärfen,
und dies ist gewollt und letztlich auch notwendig,
wenn die Beitragszahler nicht durch die Kostenlast
erdrückt werden sollen.
Wenn wir nicht rechtzeitig gegensteuern, dann bedeutet
dies nicht nur Betriebsdefizite zu Lasten des Kreisetats.
Nur ein mit hohen Fallzahlen gut ausgelastetes, schwerpunktorientiertes
Haus wird auf Dauer die hochqualifizierten Ärzte
und Pflegekräfte gewinnen, die unsere Bürgerinnen
und Bürger einfach erwarten. Es ist eine Binsenweisheit
– Qualität und Wirtschaftlichkeit bedingen
sich gegenseitig.
Die vom Sozialministerium notwendigerweise verfügte
Reduzierung der Bettenzahlen, fällige Baumaßnahmen
und vor allem anstehende Chefarztbestellungen zwingen
zum Handeln. Niemandem ist mit einem quälenden
Diskussionsprozess, der vor der Realität die
Augen verschließt, gedient. Die vom Gutachter
CMK entwickelten Lösungen 2 und 3 sind zukunftsorientierte
Wege, dies wird auch vom Sozialministerium so gesehen
– und jenes muss letztlich die Hauptfinanzierung
sicherstellen. Das seit kurzem vorliegende Gutachten
der Kassen verändert diese Erkenntnisse nicht,
liefert aber für die
Feinabstimmung zwischen den Krankenhäusern im
Landkreis wichtige Fingerzeige.
Die Varianten 2 sind medizinisch konsequent und deutlich
wirtschaftlicher als die Lösungen 3. Deshalb
haben wir in unserer Fraktion sehr intensiv um einen
vertretbaren Weg gerungen. Nur die Gesamtgüterabwägung,
die auch die gewachsenen Strukturen, die Verbundenheit
der Menschen mit ihrem Krankenhaus, die Situation
der Belegschaft, die Nutzung der vorhandenen Baulichkeiten
und den kommunalpolitischen Stellenwert in die Waagschale
legte, erlaubt einem großen Teil unserer Fraktion
ein Votum für 3. Wir tun dies in der Hoffnung
und Überzeugung, dass es beiden Häusern
gelingt, sich auch in der Zukunft aus eigener Kraft
zu finanzieren. Dabei setzen wir vor allem auf die
Kurzzeitchirurgie, die mit der Weiterentwicklung der
Operationsmethoden einen immer höher werdenden
Stellenwert gewinnen wird.
Die Notwendigkeit der Zusammenführung beider
Häuser zu einem Krankenhaus an zwei Standorten
ist unbestritten. Deshalb dürfen keine ungesunden
Gegensätze aufgebaut werden, die das gemeinsame
Ziel belasten oder gefährden. Die von der Verwaltung
auf der Basis der Gutachterempfehlung vorgeschlagene
Variante 3 a ist kein Votum gegen Kirchheim,
sondern berücksichtigt ausschließlich die
objektiv gegebenen baulichen Möglichkeiten und
Entwicklungsperspektiven. Der Standort Säer liegt
nicht irgendwo, sondern im Grunde an der Nahtstelle
zwischen den Räumen Kirchheim und Nürtingen.
Die gegebenen Entfernungen sind zu allen Punkten des
Einzugsbereichs wohnortnah und gewährleisten
so eine optimale Ausschöpfung möglicher
Fallzahlen. Neben der Inneren und der Psychiatrie
wird Kirchheim das zentrale Haus im südlichen
Kreisteil für Kurzzeitchirurgie. Die Bündelung
dieser Disziplinen, deren Gewicht weiter zunehmen
wird, sichern den Bestand und die Bedeutung des Kirchheimer
Krankenhauses. Eine weitere Stärkung erwächst
aus der Zusammenführung der beiden Schwesternschulen
unter der Leitung der Aidlinger Schwestern.
Der Neubau auf dem Säer schafft die einzigartige
Chance, neben der Inneren mit anderen Schwerpunkten,
alle chirurgischen Disziplinen für größere
Eingriffe zusammenzufassen. Dies ist nicht nur eine
Frage der Organisation und Wirtschaftlichkeit durch
Vermeidung von Doppelstrukturen, sondern entscheidend
der Sicherheit für die PatientInnen bei schweren
Erkrankungen und Operationen. Deshalb kommen für
die große Mehrheit unserer Fraktion die Varianten
4 und die Vorschläge im MDK-Gutachten nicht in
Betracht. Eine gesicherte Zukunft unserer Krankenhäuser
erlaubt keine nicht tragfähigen Kompromisse.
Mit der sich abzeichnenden Weichenstellung legt der
Landkreis ein deutliches Bekenntnis zu seiner Verpflichtung
ab, auf dem Gebiet der medizinischen Daseinsvorsorge
auf Dauer tragfähige Strukturen zu schaffen.
Die Finanzierung der dazu notwendigen Investitionen
wird uns, d.h. den Städten und Gemeinden im Landkreis
und ihren BürgerInnen, schwer fallen. Deshalb
ist die heute vorzunehmende Abwägung eine schwierige
Herausforderung. Sie setzt Vertrauen in die Leistungsfähigkeit
und Einsatzbereitschaft der Ärzteschaft, des
Pflegepersonals und der Verwaltung voraus, die diese
in der Vergangenheit in so hervorragendem Maße
unter Beweis gestellt haben. Darauf bauen wir unsere
Entscheidung auf und bekunden Ihnen unsere Anerkennung
und unseren Respekt.