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Die Haushaltsrede 2004 des Fraktionsvorsitzenden Rainer Gessler
Herr Landrat, meine Damen und Herren,
"Jammern ist ein Gruß der Kaufleute",
sagt man. Bei der vor kurzem abgehaltenen SPD-Kreiskonferenz
bezog dies der SPD-Kreisvorsitzende auch auf die Bürgermeister
und bat die anwesenden Bundes- und Landespolitiker
der SPD sich zu überlegen, wie man das endlich
abstellt - ihm geht wohl die derzeitige Finanzwahrheit
- auf den Wecker. Die äußerst problematische
Finanzsituation auszublenden hilft nicht weiter. Das
Gute an der Sache: Er war jedenfalls bei den Bundes-
und Landespolitikern an der richtigen Adresse, dort
werden Leistungsgesetze gemacht, welche die Kommunen
belasten, Beispiel Grundsicherung, die 2004 mit 2
Mio. Euro aus der Kreiskasse zu Buche schlägt
- eigentlich sollte sie den Landkreis ja nichts kosten.
Ein anderes Beispiel ist die Schülerbeförderung
- eigentlich sollten die Landkreise für das Land
die Sache kostenneutral organisieren - heute haben
wir ein jährliches Defizit von rd. 2 Mio. Euro.
"Die Kommunen müssen die von Bund und Land
eingebrockten Suppen auslöffeln".
Zur Situation der Städte und Gemeinden:
Die Kommunen im Lande haben ein jährliches Finanzierungsdefizit
von zur Zeit über 1,5 Milliarden Euro. Die Gewerbesteuereinnahmen
in Baden-Württemberg sind von 3,2 Milliarden
Euro im Jahr 1999 auf 2,5 Milliarden Euro im Jahr
2002 gefallen. Die Städte und Gemeinden haben
für ihre Planungen keine gesicherten Grundlagen
mehr. Wir wissen z.B. immer noch nicht, wie es mit
der anstehenden Gemeindefinanzreform weitergeht. Dem
gegenüber stehen Entwicklungen, auf die die Städte
und Gemeinden keinen Einfluss haben. Die Landesregierung
hat beschlossen, zur Reduzierung der Neuverschuldung
1 Milliarde Euro einzusparen. Der kommunale Konsolidierungsbeitrag
für den Landeshaushalt beträgt für
die Kommunen 250 Millionen Euro.
Einnahmen und Ausgaben
Einnahmen
Die Übersicht auf Seite 14/15 im Haushaltsplan
soll zeigen, dass die Steuerkraftsummen der Städte
und Gemeinden nahezu konstant sind. Tatsächlich
sind sie aber um rd. 10 Mio. Euro gestiegen - ein
Plus von 2,4 Prozent. Die Landkreise um uns herum
wie Böblingen mit minus 12 % und Esslingen mit
minus 5 % haben konkrete Rückgänge bei der
Steuerkraft, d. h. dieser Rückgang muss auch
noch durch die Erhöhung der Kreisumlagen ausgeglichen
werden. Beispiel: im Landkreis Böblingen lag
das Kreisumlageaufkommen 2003 bei 33 %, Ergebnis:
122 Mio. Euro; 2004 bei 39,65 % Ergebnis 128 Mio.
Euro, d. h. 6 Mio. Euro mehr, die Summe, die für
den LWV benötigt wird. Der Landkreis Ludwigsburg
hat durch die Anhebung der Kreisumlage von 32 auf
36 Prozentpunkte rd. 20 Mio. Euro mehr. Auch das ist
ein Grund für die unterschiedlichen Hebesätze
im Großraum Stuttgart. Der von Ihnen angesprochene
"Kraftakt nur 36 Punkte", Herr Landrat,
ist insofern auch mit Glück verbunden, dass uns
nicht das gleiche Schicksal, wie andere Landkreise
ereilt hat. Wir sind froh über dieses Glück!
Ausgaben
Steigerungen im Sozialbereich:
Die Umlage an den Landeswohlfahrtsverband hat sich
innerhalb von 3 Jahren um 60 % erhöht. Für
den Landkreis sind das heute 15,3 Punkte Kreisumlage,
vor drei Jahren waren es noch 9,5 Punkte. Grundlage
für diese Entwicklung sind in erster Linie Bundesgesetze.
Eine Reform bei der Sozial- und Jugendhilfe ist überfällig.
Es muss Ziel sein, die kommunalen Aufgabenträger
zu entlasten. Das Konnexitätsprinzip, die Regel
"Wer bestellt, bezahlt" muss endlich verbindlich
eingeführt werden. Dass dies nicht unmöglich
ist, zeigen die Beispiele der Länder Schweden
und Dänemark, deren Sozialstaat vor dem Kollaps
stand und heute wieder weitgehend stabilisiert ist.
Kein Mensch kämen auf die Idee, Schweden oder
Dänemark nicht als Sozialstaat zu bezeichnen,
es gehört also in das "Reich der Märchen",
notwendige Veränderungen am Sozialstaat käme
dessen Abschaffung gleich.
Der Sozial- und Jugendhilfebereich ist der größte
Aufgabenbereich des Landratsamtes. Eine Möglichkeit
die Landkreisverwaltung unmittelbar bei den Sozial-
und Jugendhilfeaufgaben zu entlasten, ist die Übertragung
von Aufgaben in diesem Bereich an "Freie Träger".
Bei den Städten und Gemeinden werden im Bereich
Kindergärten mit Freien Trägern gute Erfahrungen
gemacht. Folgender Ablauf ist vorgesehen: Die Verwaltung
soll bis Frühjahr 2004 einen Sachstand zur Umsetzung
dieses Antrags im Sozial- und Jugendhilfeausschuss
vorlegen. Damit möglichst für den Haushalt
2005 schon erste Schritte eingeleitet werden können.
Wir sind uns darüber im klaren, dass dies ein
längerer Prozess ist, aber wir halten ihn für
unumgänglich. Klar ist, dass von uns grundsätzlich
keine zusätzlichen Stellen in diesem Bereich
in der Landkreisverwaltung mitgetragen werden. Jedenfalls
nichtl ohne den eindeutigen Nachweis, dass der Landkreis
die Aufgabe besser und günstiger erledigt als
freie Träger.
Jugendhilfe:
Die Überlegungen der Verwaltung bei der Jugendhilfeplanung,
personell verstärkt einzusteigen, freut uns.
Der von uns schon vor zwei Jahren gestellte Antrag
"Jugendhilfeplanung als Grundlage: was ist wo
zu tun" - bekommt damit den Schub, den er braucht.
Wir gehen davon aus, dass Ergebnisse bis zum Sommer
2004 vorliegen, um dann mit dieser Grundlage von den
Jugendhilfekosten herunter zu kommen - auch, wenn
die eine oder andere ambulante Maßnahme - mit
freien Trägern - dadurch notwendig wird.
Umlagen an den Verband Region Stuttgart:
Bei der Verkehrsumlage 2003 sind es 10,9 Mio. Euro
und 2004 12,2 Mio. Euro mit steigender Tendenz. Die
Städte und Gemeinden trifft es bei ihrer Umlage
an den Verband - Messe (1. Rate in 2004) - noch härter.
Zu den Kernaufgaben des VRS stehen wir, wie Messe,
S-Bahn-Verkehr, Stuttgart 21, allerdings vermissen
wir den sorgfältigen Umgang mit dem Geld - wenn
geringe Haushaltsansatzreduzierungen, wie bei der
Wirtschaftsförderung "tabu" sind. Bei
den Städten und Gemeinden sind solche Reduzierungen
oder komplette Streichungen derzeit das "täglich
Brot". Dabei denken wir nicht nur an die Verbandsverwaltung,
wenn wir die Anträge, z.B. Weinhaus (SPD), die
aus der Mitte der Fraktionen gestellt werden, lesen.
Da kommen wir schon ins Grübeln oder gar schwere
Zweifel, ob die Kollegen in den Regionalfraktionen
die Realitäten in den Städten und Gemeinden
noch kennen. Dabei sind doch die meisten auch in anderen
kommunalen Gremien und beschließen Kürzungen
und Streichungen mit!
Die "Lust auf Aufgaben" kann der Verband
nur schwer abstreiten, angesichts der Tatsache, das
höchst vorsorglich 600.000 Euro für die
Übernahme der Wieslauftalbahn in den Haushalt
eingestellt wurden.
Nebenbahnen, Strohgäubahn:
Das Gezerre um die Nebenbahnen, um den Begriff "regional
bedeutsam", wirkt wie beim Tauziehen. Das Gezerre
ist gefährlich, es kostet Kraft und wird bei
den Bürgern nicht verstanden, die wollen einen
vernünftig organisierten ÖPNV. Nach dem
Grundsatz der kommunalen Selbstverwaltung und dem
Subsidiaritätsprinzip ist die derzeitige Aufgabenverteilung
beim ÖPNV richtig. Die S-Bahn ist regionalbedeutsam,
die Busse und die Nebenbahnen in den Kreisen nicht.
Der Nahverkehr wird durch einen anderen Aufgabenträger
nicht billiger und besser. Der VRS hat bisher nicht
dargestellt, was billiger und besser würde und
wie er dies im Bereich des ÖPNV erreichen will.
Bei einer Übertragung auf den Verband wäre
zu befürchten, dass überall eine zusätzliche
Taktverdichtung verlangt würde, mit der Konsequenz
der Umlagensteigerung. Die Verkehrsumlage des VRS
ist in sieben Jahren um 50 % gestiegen. Wer Aufgaben
hochzonen will, ist beweispflichtig, was dadurch besser
werden würde.
ÖPNV/Schülerbeförderung
Eingangs wurde es schon angesprochen, aus der kompletten
Finanzierung der Schülerbeförderung hat
sich das Land in Schritten zurückgezogen. Der
Landkreis hat dies mit der Kreisumlage oder die Eltern
mit Eigenbeteiligungen ausgeglichen. Der Landkreis
ist muss Sparen. Um das Defizit in der Schülerbeförderung
etwas einzudämmen, ist eine stärkere Eigenbeteiligung
der Eltern nicht vermeidbar. Wir bitten die Eltern
da um Verständnis - aber wir können nicht
die komplette Landessuppe auslöffeln. Der Landkreis
hilft mit ungefähr 2 Mio. Euro die Entwicklung
für die Eltern abzufedern, aber es ist nicht
möglich, noch mehr zu übernehmen. Bei den
ab 1. Januar 2004 geltenden neuen Regelungen wurde
eine Sozialregelung eingeführt, die Härten
vermeiden hilft. Wir fordern die Landkreisverwaltung
auf, die Sozialregelung großzügig anzuwenden.
Wir wissen aus Gesprächen, das viele Betroffene
nicht unter die Sozialklausel fallen, sondern in Zukunft
einen Eigenanteil für die Busfahrten ihrer Kinder
bezahlen müssen. In der gegebenen Finanzsituation
und unter dem Gesichtspunkt, dass der Landkreis nicht
für die Finanzierung verantwortlich ist, können
wir nicht anders, als die neue Satzung, so wie beschlossen
zum 1. Jan. 2004 wirksam werden zu lassen. Leider
ist in der ganzen Diskussion nicht genügend transparent
geworden, dass das Netzticket nur eine "Zugabe"
ist im Rahmen des Tarifsystems. Ein Schülerticket
ohne Netzwirkung wäre nicht günstiger.
Verwaltungsreform
Die Verwaltungsreform könnte zu einem Ausgabenproblem
werden.
Sie ist in ihren Grundzügen entschieden. Die
Sonderbehörden werden in die Landratsämter
bzw. in die Regierungspräsidien eingegliedert.
Es gibt noch eine Menge Detailarbeit, damit durch
die Aufsplittung von Behörden, die für mehrere
Landkreise jetzt zuständig sind, nicht Verschlechterungen
eintreten und Synergieeffekte verloren gehen. Es werden
Vereinbarungen zwischen den Landkreisen getroffen
werden müssen, um Vorhandenes nicht zu zerschlagen,
wie z.B. die Straßenmeistereien.
Die Verwaltungsreform soll zum 1. Januar 2005 umgesetzt
werden. Ein Problem kann die Finanzierung der Reform
werden. Die Landräte haben dem Land zugesagt,
dass eine „Effizienzrendite“ von 20 %
in 5 bis 7 Jahren möglich sei. Wir haben gewisse
Zweifel, ob eine Einsparung in dieser Höhe zu
erreichen ist.
Zwei Dinge sind aus unserer Sicht zwingend erforderlich:
Die Landkreise sind gefordert, ein Verfahren zu entwickeln,
das Kostentransparenz herstellt. Es muss nachgewiesen
werden können, wie hoch die Einsparungen tatsächlich
sind. Notfalls muss mit dem Land nachverhandelt werden.
Es kann und darf nicht sein, dass die Städte
und Kommunen Aufgaben des Landes über die Kreisumlage
finanzieren. (Beispiel: Schülerbeförderung)
Von Anfang an haben die Freien Wähler und die
kommunalen Landesverbände darauf hingewiesen,
dass mit der Verwaltungsreform zwingend ein Aufgabenabbau
und eine Reduzierung der Standards in den verschiedensten
Bereichen erfolgen muss. Dafür sind die Landkreise
nur zum Teil zuständig. Die wesentlichen Zuständigkeiten
liegen beim Bund und bei den Ländern.
Straßenbau
Die Sparvorschläge der Grünen im Straßenbau
- insbesondere beim Straßenerhalt - sind kontraproduktiv.
Straßenbau und -erhalt ist ein wichtiges Infrastrukturinstrument
für die Bevölkerung und die Wirtschaft.
Wenn Kreisstraßen nicht mehr erneuert werden
können, dann werden die Schlaglöcher immer
größer und in den Kreisstraßen in
den Ortschaften verschärft sich unter anderem
das Lärmproblem - wegen Holperstrecken. Wenn
Straßen, wie die Südumfahrung Sachsenheim
- Sersheim im Zusammenhang mit entstehenden Gewerbegebieten
nicht mehr gebaut werden, ist dies abträglich
für den Wirtschaftsstandort. Im Straßenbauetat
wurde nur das wirklich erforderliche eingestellt.
Kliniken:
Im Landkreis Ludwigsburg haben wir keine Standort-,
Neubau-, oder Management-diskussionen. Die Kliniken
leisten eine gute Patientenversorgung und kommen mit
5 Mio. Euro Kreiszuschuss seit vielen Jahren aus.
Die Überlegung, die Krankenhäuser des Enzkreises
zu übernehmen halten wir für interessant
- bei der Müllentsorgung schon mit Erfolg praktiziert
- sofern die Übernahme für beide Seiten
Vorteile bringt
Kreishauserweiterung: Ein großes Fragezeichen?
Wir möchten nochmals nachdrücklich darauf
hinweisen, dass mit dem durchgeführten Wettbewerb
und der eingestellten Planungsrate kein Planungs-
oder gar Baubeschluss präjudiziert wird. Die
vorzulegende Wirtschaftlichkeitsberechnung für
dieses Projekt wird zeigen, ob der Bau möglich
ist.
Entwicklung der Kreisumlage.
Die Perspektiven sind trostlos, die Verwaltung denkt
2004 an 40 Kreisumlagenpunkte - die Freien Wähler
denken an das nächste Handlungskonzept für
Einsparungen. Deshalb bringen wir heute einen Antrag
ein "Konsequenzen für den Kreishaushalt
2005 bei einer Umlagenhöhe von 36 Punkten, ohne
die Aufnahme von Schulden". Wir wollen damit
die rechtzeitige Diskussion um Einsparungen von der
anderen Seite beginnen: Welche Ausgaben (Aufgaben)
sind bei einer Umlage von 36 % in 2005 noch möglich?.
Keiner weiß zum heutigen Zeitpunkt, wie dies
gehen oder werden soll. Im Landkreis Esslingen, in
dem man heute schon 43,15 Punkte bräuchte, soll
in der Verzweiflung 38,5 politisch festgelegt werden.
Für die Freien Wähler ist klar, dass 2004
nicht mehr, wie 2003 geschehen, der Ausschuss für
Umwelt und Technik einen von der Verwaltung vorgeschlagenen
Betrag von 100 Euro Kostenbeteiligung der Obst- und
Gartenbauvereine beim Besuch des Obst- und Gartenbauberaters
des Landkreises einfach und großzügig auf
50 Euro reduziert - gegen die Stimmen der Verwaltung
und der Freien Wähler. Das war kein gutes Signal
für die Städte und Gemeinden. Ich denke
auch, dass bei der Budgetdiskussion 2005 für
die Schulen des Landkreises der abgelehnte Antrag
der Freien Wähler im Kultur- und Schulausschuss
auf Reduzierung um 10 % mehr Chancen hat. In vielen
Städten und Gemeinden sind seit einigen Jahren
derart schmerzhafte Reduzierungen an der Tagesordnung.
Wir setzen für die Zukunft auch weiterhin auf
strukturelle Bereinigungen, wie beim Altenheim des
Landkreises in Freudental. Es freut uns, dass in Freudental
nun ein dringend benötigtes "Demenzzentrum"
im Landkreis entsteht, bei einem Träger, dessen
tägliche Arbeit die gute Versorgung unserer älterer
Mitbürgerinnen und Mitbürger im Kreis ist.
Der Landkreis hat viele Aufgaben, unser Anliegen ist:
Nur das was unbedingt notwendig ist, soll er selbst
machen. In diese Richtung zielt auch unser Antrag
mehr "Freie Träger" mit der Sozialbetreuung
beauftragen, der Landkreis soll sich soweit möglich
aus diesem Bereich zurückziehen.
Herr Landrat, meine Damen und Herren, eigentlich
wollten wir vor zwei Jahren in eine bessere Zukunft
aufbrechen mit einer Kreisumlage, die in Richtung
30 oder vielleicht sogar unter 30 Punkte gehen sollte.
Davon sind wir weit entfernt - und ohne Perspektive.
Am neuen Kreiskämmerer, an Ihnen, Herr Walter,
lag es nicht - sicher ein schwacher Trost. Wir schätzen
Ihre engagierte Arbeit und die aller Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter des Landkreises und danken herzlich:
Weiter so und alles Gute für Sie alle, für
unsere Bürger und für den Landkreis.