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› Haushaltsrede 2008

 

                                                                                                                       Anträge zum HH 2008

Frau Oberbürgermeisterin, Herr Bürgermeister, Herr Stadtkämmerer,
liebe Kolleginnen und Kollegen
meine sehr verehrten Damen und Herren,


es ist immer wieder beeindruckend mit anzusehen, was sich innerhalb eines einzigen Jahres alles verändern kann. Vor Jahresfrist war es keineswegs sicher, obwohl es schon gewisse Anzeichen dafür gab, ob denn die Reform- Agenda 2010, die ja von der rot-grünen Bundesregierung auf den Weg gebracht worden war, den für unser Land angestrebten Erfolg bringt. Heute wissen wir, dass das Prinzip „Fordern und Fördern“, welches dieser Reform zugrunde liegt, das richtige Rezept ist. Die Wirtschaft hat zwischenzeitlich einen lange nicht mehr gekannten Aufschwung erfahren und die Arbeitslosigkeit konnte drastisch reduziert werden. Die Steuerquellen sprudeln wieder, wovon nicht zuletzt Städte und Gemeinden, also auch Kirchheim unter Teck, profitieren.

Man sollte daher meinen, dass sich vieles zum besseren gewendet hat. Leider täuscht dieser Eindruck. Der Erfolg der letzten Monate hat offensichtlich vielen den klaren Blick geraubt und demzufolge wird nun in großen Teilen der SPD einer Abkehr von der Agenda 2010 das Wort geredet. Das Prinzip Fordern und dann, wo nötig, auch noch zu fördern soll zumindest teilweise umgekehrt werden. Vor dem Hintergrund der jüngsten Erfolge ein populistisches Ziel, mit fragwürdigem Ausgang für alle Beteiligten. Offensichtlich wird angestrebt den vorsorgenden Sozialstaat, zu Gunsten kurzfristiger Erfolge (Wahlerfolge), noch weiter zu verfestigen und damit den Schuldenabbau zu verlangsamen. Dies wird den nachfolgenden Generationen, die ja die Zeche letztlich zu bezahlen haben, gewaltig zu schaffen machen. Leider muss einmal mehr festgehalten werden, dass Konstanz und damit Planungssicherheit in der Politik ein Fremdwort ist. Manfred Rommel hat einmal gesagt: „Die Summe der Einzelinteressen ergibt nicht Gemeinwohl sondern Chaos“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

In der Folge der eben beschriebenen Entwicklung sind wir heute aber in der Lage, einen auf den ersten Blick durchaus erfreulichen Haushaltsentwurf 2008 zu kommentieren. Zunächst danken wir der Verwaltung und allen voran dem Kämmerer für die Ausarbeitung und Vorlage dieses Planentwurfes. Auch das Motto „Das eine- Sparen- tun und das andere- Investieren- nicht lassen“, unter welches Sie Frau Oberbürgermeisterin den Haushalt 2008 stellen, strahlt einen verhaltenen Optimismus aus, den wir durchaus gerne zur Kenntnis nehmen.

Was hat sich geändert? Das Haushaltsvolumen erhöht sich insgesamt um ca. 7,5 Mio Euro auf knapp 104 Mio. Euro. Davon entfallen ca. 88 Mio. auf den Verwaltungs- und ca. 16 Mio. Euro auf den Vermögens- Haushalt. Die Zuführung an den Vermögens- Haushalt wird mit
5 143 963.-- Euro veranschlagt. Diese übersteigt damit die durchschnittlichen Zuführungsraten der letzten 12 Jahre. Sie ist als gut zu bezeichnen und es bleibt darüber hinaus die berechtigte Hoffnung, dass dieser wichtige Indikator der Haushaltsplanung auch in den kommenden Jahren ähnlich aussehen wird. Diese Hoffnung steht im übrigen im Widerspruch zur Aussage im Schreiben des Regierungspräsidiums vom 31.01.07. Darin wurden uns im Finanzplanungszeitraum geringere Zuführungsraten prognostiziert.

Bei den Steuern und allgemeinen Zuweisungen ist die Entwicklung ebenfalls positiv. Dies gilt sogar für die Gewerbesteuer, die auch im laufenden Haushaltsjahr am Ende wohl deutlich über dem Planansatz liegen wird. Eine Entwicklung die unsere Sicht der letzten Jahre stützt. Dies gilt umso mehr, weil Bundestag und Bundesrat bei der Verabschiedung der Unternehmenssteuerreform die sogenannten Hinzurechnungen bei der Gewerbesteuer mit beschlossen haben. Danach muss der Unternehmer künftig auch Steuern auf Ausgaben zahlen. Darunter fallen alle Zinszahlungen oberhalb eines Freibetrages von 100 000 Euro. Hierzu, so heißt es, gehöre auch der Zinsanteil der in Mieten, Pachten, Leasingraten und Lizenzen steckt. Bei dem ab 01.01.08 geltenden Hinzurechnungsfaktor von 25 % und einem Zinsanteil von 75% muss z.B. ein Unternehmer der 100 000.-Euro Miete für seine Geschäftsräume bezahlt, künftig zusätzlich 18 750.-Euro Gewerbesteuer zahlen. Ein durchaus bemerkenswerter Vorgang. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass die Wirtschaft und auch die IHK eine Hebesatz-Senkung bei der Gewerbesteuer für dringend geboten halten. Für Kirchheim sehen wir diese Möglichkeit gegenwärtig nicht. Den umgekehrten Weg, eine Anhebung des Hebesatzes, aber erst recht nicht. Die Verwaltung selbst hat ja in ihrem neuesten Flyer „Kirchheim in Kürze“ damit geworben, dass die Hebesätze für die Gewerbe- und Grundsteuer „äußerst günstige Konditionen darstellen“. Dem stimmen wir zu und wollen auch, dass es vorerst so bleibt. Dies gilt auch noch nachdem die Bundesregierung vor wenigen Tagen ihre Wachstumsprognose für das kommende Jahr von 2,4 auf 2,0% gesenkt hat.

Was die Verwaltungshaushalte der nächsten Jahre anlangt, sind erhebliche zusätzliche Aufwendungen wie z.B. durch die auf den Weg gebrachte Kirchheimer Bildungsoffensive, also auch die Qualitätsoffensive für Kindertageseinrichtungen, zu finanzieren. Wie überhaupt die Belastungen zur Unterstützung anderer Kindergartenträger und den kostspieligen Betrieb der Ganztagessschulen das Zahlenwerk künftig bis an die Schmerzgrenze belasten werden. Die Aussagen der Schulleiter anlässlich der Schul-, Kultur- und Sportausschusssitzung am 25.10., die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen, bringen zusätzliche Brisanz in dieses Thema. Es sieht ganz danach aus, als ob wir uns schon in Kürze über die Budgets der Schulen unterhalten müssen, weil diese teilweise schon heute unauskömmlich sind. Auch wenn sie den Landesvorgaben entsprechen, müssen wir handeln, weil viele Eltern auch uns gegenüber klagen dass sie bereits heute Lehr- und Lernmittel teilweise selbst bezahlen.

Wir müssen deshalb, und das ist im Grunde überhaupt nichts neues, auf allen Feldern die wir beackern, noch mehr als bislang an die künftige Belastung des Verwaltungshaushaltes denken. Dies gilt im übrigen auch für PPP-Modelle jedweder Art.

Wir sollten auch klarer erkennen, welchen Umständen die Möglichkeit der Entschuldung der letzten Jahren zu verdanken ist. Nur weil wir ein über Jahrzehnte angespartes Vermögen Zug um Zug verbraucht haben bzw. noch verbrauchen werden, sind wir in der heutigen Situation. Deshalb können wir auch in 2008 auf Kreditaufnahmen verzichten, was den Kapitaldienst weiter verbessert und uns damit Mittel an die Hand gibt, die zur Bewältigung vieler Aufgaben dringend benötigt werden. Wie es am Ende des Finanzplanungszeitraumes und darüber hinaus weitergehen soll, steht zumindest für uns in den Sternen. Die bequemen Entnahmen aus den Rücklagen werden von da ab nicht mehr möglich sein. Aber schon heute weist der Haushaltsentwurf für die Jahre 2011 und später gewaltige Investitionssummen aus.

Trotz der in den letzten Jahren erfolgreichen Bemühungen zur Personalkostenreduzierung muss der Personalkostenansatz für 2008 auf 19 901 035.- Euro angehoben werden. D.h. 436 480.- Euro mehr als im Vorjahr. Die Gründe dafür sind bekannt und sie sind das konsequente Ergebnis der Beschlüsse des Gemeinderates. Derartige Steigerungen können wir uns auf Dauer ebenfalls nicht mehr leisten, deshalb wird dieses Thema ein hartnäckiger Wegbegleiter bleiben.

Für die Sanierung städtischer Gebäude, Strassen, Feldwege, Brücken und Grünanlagen etc. werden alljährlich Mittel vorgesehen. Leider erschließt es sich uns nach wie vor nicht, in wie weit die dafür eingestellten und danach auch ausgegebenen Beträge zu einem tatsächlichen Abbau des uns vor Jahren vorgestellten Sanierungsberges beitragen. Sollte dies nämlich nicht der Fall sein, tritt ein was viele unter uns befürchten. Der Substanzverlust schreitet fort und wir schieben in kurzer Zeit einen Fehlbetrag von 75 oder 80 Mio. Euro vor uns her. Damit würde auch der erfreuliche Schuldenabbau der letzten Jahre konterkariert.
Man kann die Sache aber auch so beschreiben:
Im Jahr 2009 stehen wir nach Rückzahlung der auslaufenden Darlehen noch mit 2 Mio. Euro Schulden da. Ein zunächst sehr erfreulicher Aspekt. Aber trotz des Verbrauchs von 30 Mio. Euro aus den dann bis auf den Kirchheim-Teck-Fond vollständig verbrauchten Rücklagen, schieben wir weiter eine nahezu unveränderten Sanierungsberg vor uns her. Deshalb muss man feststellen, ohne diesen Verzehr des Tafelsilbers hätten wir im Jahr 2009, anstelle von nur 2 Mio. Euro, 32 Mio. Euro Schulden im Haushalt und den schon genannten Sanierungsberg dazu. So betrachtet haben wir zur Erreichung unserer finanzpolitischen Ziele wenig Fantasie entwickelt und den Weg des geringsten Widerstandes beschritten, der letztlich nur dann als erfolgreich gesehen werden darf, wenn es tatsächlich gelingen sollte, die ab dem Jahr 2011 anfallenden Investitionen ohne die erneute Aufnahme von Krediten zu finanzieren. Dies alles sagen wir vor dem Hintergrund, dass z.B. so marode Strassen wie die Lindachallee/ Rosseggerstrasse und Boschstrasse erst 2011 und später saniert werden sollen. Wie auch die Vorgabe des Landratsamtes vom Sommer 2007, jährlich 1,5 Mio Euro in Kanalsanierungen zu investieren, mit den im Haushalt eingestellten 500 000 Euro nicht eingehalten wird.

Um da schnellsten Klarheit zu schaffen, beantragen wir daher nochmals uns Zahlen an die Hand zu geben, aus denen wir ersehen, wie sich der städtische Sanierungsbedarf von einst 65 Mio Euro bis heute entwickelt hat. Da wir bereits bei den Haushaltsberatungen in 2006 schriftlich darum gebeten hatten, bitten wir, dies bis zur Dezembersitzung des Gemeinderates nachzuholen.

Den vorgesehenen Investitionen für Schulen und Turnhallen stimmen wir grundsätzlich zu. Allerdings fragen wir uns zunehmend, ob die angestrebten Ziele nicht auch über preiswertere Lösungen zu erreichen sind. Der Vorgang Freihof-Realschule zeigt einmal mehr, wie rasch im Laufe eines Verfahrens, durch unzulängliche Vorbereitung und eine demzufolge vor unserer Grundsatzentscheidung nicht vorgenommene Grundlagenerhebung, die finanziellen Möglichkeiten der Stadt weit überschritten werden. Auch die Entwicklung in den Gymnasien gibt Anlass zur Sorge und es ist zu befürchten, dass dort der kurzfristige Bedarf an baulichen Erweiterungen anhält, was schnell zu wenig zukunftsgerechten Lösungen führt. Deshalb hoffen wir im Blick auf die Schulen, dass die Klausurtagung im Februar 08 Ergebnisse zeitigt, die es uns ermöglichen, künftig bedarfsgerechte und bezahlbare Lösungen für diesen Bereich zu finden.

Besonders erfreulich ist das bevorstehende Ende der Sanierungsarbeiten im Vogthausviertel. Damit ist die Innenstadt in den vergangenen drei Jahrzehnten in vielfältiger Weise erneuert worden. Vor allem ist es gelungen, den Charakter der historischen Kernstadt zu erhalten. Dazu mussten sich die ständig notwendigen Modernisierungen immer wieder diesem Ziel unterordnen, was vor allem privaten Bauherren viel Einsicht und Entgegenkommen abverlangte. Für dieses konstruktive Mitgestalten möchten wir uns heute herzlich bedanken.

Weitere Sanierungsmaßnahmen außerhalb des Alleenrings sind zwischenzeitlich ebenfalls in Angriff genommen. Alle lassen erwarten, dass auch diese Stadtbereiche künftig für Handel und Wandel aber auch für das innenstadtnahe Wohnen, sowie die Erlebbarkeit der Gesamtstadt, einen wertvollen Beitrag leisten werden. In diesem Zusammenhang sind dem Stadtplanungsamt die richtigen Weichenstellungen gelungen, was wir ebenfalls mit Dankbarkeit zur Kenntnis nehmen.

Ein besonderes Anliegen ist uns ein ab dem Fahrplanwechsel 2009 funktionierendes Bahnhofs-Umfeld. Dazu gehört, dass insbesondere das Parkhaus im Dezember 2009 betriebsbereit hergestellt ist. Nur damit können, im Blick auf die S-Bahnverlängerung nach Kirchheim, die Früchte der jahrzehntelangen Bemühungen geerntet werden. Wir fordern deshalb die Verwaltung auf alles zu tun, um dieses Ziel zu erreichen.

Mit den Ergebnissen der Sportentwicklungsplanung hat der Gemeinderat in der letzten Sitzungsrunde veranlasst, dass seitens der Verwaltung die vorbereitenden Maßnahmen für die Planung und den Neubau eines Hallenbades sowie den Betrieb eines Hallen- und Freibades als PPP-Modell eingeleitet werden. Diese und vor allem die vom Büro KPMG vorzunehmende Wirtschaftlichkeitsuntersuchung wird dem Gemeinderat als wichtige Entscheidungshilfe dienen müssen. Außerdem erwarten wir dass in die Kostenberechnungen alle externen Aufwendungen für Zufahrten, Parkplätze, Grünbereiche etc., mit belastbaren Zahlen, aufgenommen sind.

Die vorgesehene Ansiedlung von IKEA beschäftigt offensichtlich sehr intensiv auch die Bürger unserer Stadt. Es vergeht kaum eine Woche in der uns nicht diesbezüglich Fragen gestellt und auch Antworten erwartet werden. Als Fazit dieser Gespräche ist u.E. festzuhalten dass die Kirchheimer einer eventuellen Ansiedlung von IKEA positiv gegenüber stehen.

Insgesamt werden die bereits in Angriff genommenen wie auch die künftigen Veränderungen innerhalb der Stadt, eine wesentliche Zunahme des Straßenverkehrs mit sich bringen. Deshalb ist es absehbar dass unser gegenwärtiges Straßensystem, mehr über kurz als lang, seine Leistungsgrenze vollends erreicht. Wir müssen uns daher, mehr als uns im Blick auf die Finanzen lieb sein kann, mit den Themen Nordwesttangente, Ortsumfahrungen Ötlingen und Jesingen, sowie einer zusätzlichen Bundesautobahnauffahrt-West auseinandersetzen.

Schließlich noch ein Wort zum Kruichling. Dort herrscht zwischenzeitlich durch kreuz und quer parkende LKW ein chaotischer Zustand. Wenn sich dieser einem potenziellen Investor präsentiert, wird dessen Bereitschaft sich dort anzusiedeln, rasch zunichte gemacht. Dies könnte auch ein Grund für einige dort bislang nicht getätigte Grundstücksverkäufe sein.

Aus den Ortsteilen kommen mannigfache Wünsche und Anregungen. Davon sollen nachfolgend nur die wichtigsten angesprochen werden:

In Ötlingen ist das Thema Eduard-Mörike-Halle ein Dauerbrenner. Der dortige Ärger ist nachvollziehbar wenn der Ansatz für die hierfür vorgesehene Planungsrate (20 000 Euro) ins neue Haushaltsjahr fortgeschrieben wird. Was die Wohnbebauung in der Halde II anlangt, zeichnet sich zumindest für uns ein Lösungsweg ab. Dies muss man bei der Neubebauung des Grundstücks, südlich des Rathauses, wesentlich kritischer sehen. Auch in Ötlingen sollten u.E. die Arbeiten im Bahnhofsumfeld im Dezember 09 abgeschlossen sein!

Im Blick auf den Stadtteil Jesingen unterstützen wir die Anträge unserer Freunde im Ortschaftsrat mit Nachdruck. Dies gilt insbesondere für die beantragte Budget-Erhöhung im Verwaltungshaushalt, sowie für den vorbereitenden Grunderwerb zur Ortskernsanierung und die Unterhaltung der Feldwege etc.

Der Neubau der Gießnauhalle ist für uns erkennbar das wichtigste Vorhaben im Stadtteil Nabern. Wenn alles wie vorgesehen läuft, könnten die Naberner im Jahr 2010 am Ziel ihrer Wünsche sein. Über 2,7 Mio. Euro müssen hierfür aufgewendet werden. Das ist in finanziell schwierigen Zeiten kein Pappenstiel.

Seit gestern Abend ist uns bekannt, dass der von uns ursprünglich für Lindorf ins Auge gefasste Vorgang anders gelöst werden soll, als von uns bislang gesehen. Damit möchte ich es aber bewenden lassen.

Abschließend möchten wir der Verwaltungsspitze sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Fachämtern für die konstruktive Zusammenarbeit und Unterstützung danken. Auf dieser Basis können auch künftige und oftmals nicht leichtere Aufgaben zum Wohle der Stadt und ihrer Bürger erledigt werden.

Danke fürs Zuhören.


Für die Fraktion der Freien Wähler



Hagen Zweifel

14.November 2007